Ragna Schirmer

Puppentheater Halle ↓

Ragna Schirmer

 

Zwischen »Appassionata« und »Traumes Wirren« –
Ein musiktheatralischer Aufbruch zu
dem Jahrhundert-Phänomen Clara Schumann

Wer mit Bachs »Goldberg-Variationen« sein Schallplattendebüt gibt, verfügt angesichts der Fülle konkurrierender Aufnahmen über ein gesundes Selbstbewusstsein. Die deutsche Pianistin, die bereits als 15-jährige jüngste Finalistin des Busoni-Wettbewerbs in Bozen wurde, ging auf volles Risiko – und das mit Erfolg. Mit ihrer klangvollen, in den Tempi eher ruhig verhaltenen, in den Details ungemein dezidierten Lesart des berühmten, alle Kräfte fordernden Zyklus‘ brachte sie die Fachkritik wie jeden Klavierliebhaber zum Staunen.
Dass Ragna Schirmer stets von einem stark ausgeprägten musikalischen Charakterisierungswillen geleitet wird, zeigen nahezu alle ihre Einspielungen wie öffentlichen Auftritte. Der – bisher einmalig – mit je zwei ECHO-Klassik und J. S. Bach-Preisen ausgezeichneten Pianistin geht es immer auch um eine sinnstiftende Dramaturgie. Ihr programmatischer Ehrgeiz, der sich auch in publikumswirksamen Moderationen niederschlägt, lässt jeden Konzertabend zu einem außergewöhnlichen Erlebnis werden: Redegewandtheit (ohne akademische Floskeln) gepaart mit einem sehr persönlichen Auftreten runden sich zu einem authentischen Erscheinungsbild dieser Künstlerin.

Am 13. September 2019 steht Clara Schumanns 200. Geburtstag vor der Tür. Ragna Schirmer arbeitet schon seit Jahren intensiv darauf hin, die Bedeutung dieser Ausnahmekünstlerin ins Bewusstsein zu rücken. In akribischer »Handarbeit« durchforstete sie die Archive, zog die vergilbten Programmzettel von Claras Konzerten wieder ans Tageslicht und befand für sich: das will ich ganz genauso wie damals unserem Publikum präsentieren – als musikalische Retrospektive in eine für uns heute verloren gegangene Aufführungspraxis.

So bestritt sie für das Kasseler MUSIKFEST 2018 in der documenta-Halle mit Clara Schumanns originalem Solo-Programm vom 15. Februar 1872 in St. Leonards-on-Sea (England) wie mit einer prachtvollen »Kammermusik-Soiree« (datiert auf den 24. November 1867 in Rostock) ein nur scheinbar »historisches« Programm. Was sich darin auftat war eben keine leicht hingeworfene »Dokumentation«, sondern traf auch im Publikum nach anfänglicher Verhaltenheit auf eine erstaunliche Hochachtung gegenüber einer ästhetisch-historischen Darbietungsform, die so manch heutige, oft gedankenlos hingeworfenen Konzert-Schemata, erfreulich zurechtrückte. Dies in aller Entschiedenheit aufzuzeigen, dazu gehört schon ein gewisser Mut.
Dieser Mut zeigt sich auch in Ragna Schirmers Lust auf Genres, die nicht unbedingt zu ihrem »Metier« zählen. Die Künstlerin, die sich die Händel-Stadt Halle zu ihrem Lebensmittelpunkt erkoren hat (u.a. mit einer Professur für hochbegabte Jugendliche an der »Latina August Hermann Francke«), liebt das Mitspielen auf der Bühne, insbesondere das Spiel mit Puppen. Es gibt in Halle ein renommiertes Puppentheater (In den neuen Bundesländern ein alte Tradition!), das ihr neben ihrer anspruchsvollen Lehr- und Konzerttätigkeit quasi eine zweite künstlerische Heimat bietet.

Nach dem großartigen Publikumserfolg ihrer subtil-abgründigen Ravel-Annäherung (»Konzert für eine taube Seele« von Christoph Werner) hat sie sich vom selben Autor etwas aus dem Leben der Clara Schumann gewünscht: So erlebt man die Ausnahme-Pianistin Ragna Schirmer live an einem baugleichen Flügel von Claras eigenem aus dem Jahr 1879 zusammen mit der Ausnahme-Puppenspielerin Ines Heinrich-Frank als Clara Schumann am Abend ihres letzten Konzertes. Das Bühnenstück »Clara – Ein Spiel für Ragna Schirmer & Puppen« ist insofern phänomenal, weil es ein dramatisch superb ausgearbeitetes Rollenverhalten vorführt, dem natürlich nicht nur Komponisten-Gattinnnen im 19. Jahrhundert rigide unterworfen waren. An Aktualität hat das Thema im Grunde bis heute nichts eingebüßt. Trotz der immanenten Tragik des Geschehens, der musikalisch grundierten Traurigkeit am Ende einer beispiellosen Karriere, beherrscht keinerlei Schwermut die Bühne: Wortwitz, Slapstick und groteske Überspitzung durchbrechen die dunklen Wolken der Entbehrung eines über die Maßen langen, ja sensationellen Künstlerlebens. R. S. als beeindruckend musikalische Stellvertreterin von C. S. spielt sich in diesem Stück, pendelnd zwischen »Appassionata« und »Traumes Wirren«, gleichsam die Seele aus den Leib … So stellt sich im Verlauf des Abends möglicherweise die Frage: wer ist denn hier die wahre »Clara«?
(Karl Gabriel von Karais)

   

Puppentheater Halle

 

Ganz bewusst nennt sich das Hallenser Ensemble Puppentheater und nicht Figurentheater. 1954 gegründet, wurde es 1995 durch den damaligen künstlerischen Leiter und heutigen Intendanten Christoph Werner neu formiert. Als einziges Ensemblepuppentheater im deutschsprachigen Raum spielt es vorwiegend für Erwachsene. In jährlich fünf Inszenierungen wird das Verhältnis von Menschen und Puppen, von Schöpfern und Geschöpfen erforscht. Ein bis zwei dieser Inszenierungen wenden sich an ein Familienpublikum. Seit 2002 ist das Ensemble auf zwei Bühnen in Halle vertreten. Seit 2009 ist das Puppentheater Halle künstlerisch eigenständiges Mitglied in der „Theater, Oper und Orchester GmbH Halle“. Auf allen großen Puppentheaterfestivals der Welt ist das Puppentheater Halle regelmäßig zu Gast. Unter anderem in Calgary, Vancouver, Toronto, Ottawa, Montreal, Osaka, Oulu, Rom, Edinburgh, Galway, Paris, Charleville, Reims, Strasbourg, Lyon, Nancy, Neuchâtel, Zürich, Basel, Baden, Bern, Luxemburg, Wien, Linz, Madrid, Stuttgart, Berlin, Erlangen, Erfurt, Bochum. Es wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Die Zusammenarbeit mit der Pianistin Ragna Schirmer begann 2015 mit der Produktion »Konzert für eine taube Seele«, mit der in einem Grenzgang zwischen Puppenstück und Konzert ein einfühlsames Psychogramm des Menschen und Musikers Ravel gezeichnet wurde. Die Reaktionen auf dies experimentelle Format waren bei Publikum und der deutschlandweit angereisten Presse durchwegs enthusiastisch. Nicht zuletzt die faszinierende Bühnentechnik, die durch optische Brechungen und zugespielte Videos eine hochartifizielle zweite Bedeutungsebene erzeugte, ließ die »Taube Seele« zu einem großen Theaterabend werden. Die neue Produktion »Clara – ein Spiel für Ragna Schirmer und Puppen« (2018) widmet sich der vielleicht prominentesten Frau des 19. Jahrhunderts: Clara Schumann. Sie war Wunderkind, Starpianistin, Komponistin, Liebesgeschichtenheldin, Konzertmanagerin, Künstlergattin, achtfache Mutter, Künstlerwitwe, Briefeschreiberin, Nachlassheraus-geberin, Klavierlehrerin. Sie hatte ein prall gefülltes Leben voller Triumphe, Tragödien und Tratsch. Zu erleben sind die Ausnahmepianistin Ragna Schirmer an einem historischen Flügel und die Ausnahmepuppenspielerin Ines Heinrich-Frank als Clara Schumann am Abend ihres letzten Konzerts.

(Foto: Puppentheater Halle, N.N.)
 




  Musikfest Kassel 2018  |  Programm  |  Ragna Schirmer + Puppentheater Halle
Eliot Quartett  |  Natalia Ehwald  |  Morgenstern Trio 

Tobias Reifland  |  Kerstin Lück-Matern

Musikfest Kassel 2019
Veranstalter: Konzertverein Kassel   |   Schirmherr: Oberbürgermeister Christian Geselle